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Resource type: Book Chapter Language: de: Deutsch DOI: 10.1515/9783110440362-005 BibTeX citation key: Heydenreich2015 Email resource to friend View all bibliographic details |
Categories: General Keywords: "Alpha … directions", Germany, Harder. Jens, Interview, Sciences Creators: Heydenreich, Heydenreich, Mecke Publisher: de Gruyter (Berlin u. New York) Collection: Physik und Poetik. Produktionsästhetik und Werkgenese. Autorinnen und Autoren im Dialog |
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Abstract |
»Der Dialog mit Jens Harder beschäftigt sich mit der Konkurrenz oder Komplementarität zwischen Bild- und Textmetaphorik in der Darstellung naturwissenschaftlicher Phänomene in seiner ›Graphic Novel‹ »Alpha … directions« (2010). Sie stellt die Geschichte von der Entstehung des Universums bis zu den Anfängen der menschlichen Kultur zeichnerisch dar. Zugleich präsentiert sie in einer beeindruckenden Synopse die Geschichte unterschiedlicher mythischer und kultureller Darstellungen der Erdevolution sowie unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge zur Erklärung der Erd- und Menschheitsevolution. Dabei überlappen sich die Poietik der Erdentstehung mit der Poetologie des Comics gleich zu Beginn des Bandes: Aus den Speedlines der Inflation entfalten sich lose Linien, die sich dann zu Panelrändern gruppieren – und dies sechs Seiten lang, erst dann fällt das erste Wort. Das scheint den erzählerischen Primat des Bildes vor dem Text zu betonen – eine äußerst selbstbewusste Autopoetologie des Comics. Dieser beobachtete Konnex wird zum Anlass, darüber nachzudenken, was das Medium Comic anderen Medien voraushat, wenn es um die Erzählung von Kosmogonie und Evolution geht.
Zugleich fragt der Dialog, wie in einem so großangelegten erzählerischen Projekt, das Kosmologie und mythische Vorstellungen, religiös motivierte Darstellungen und wissenschaftlich fundierte Theorien zum Urknall und zur Evolutionsbiologie miteinander vereint, das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion in seiner historischen Entwicklung gedacht wird. Schließen diese Zugänge einander aus? Oder machen sie vielmehr in der erzählerischen Synthese sichtbar, dass für den Menschen die Bezüge zur Transzendenz und zur wissenschaftlichen Objektivität komplementär zueinander notwendig sind?
Und wie steht ein solches Projekt, das zumindest erzählerisch und konzeptionell auf Ganzheitlichkeit angelegt ist, zu den postmodernen Postulaten des Verschwindens der großen Erzählungen, denen ein einzelnes Narrativ zugrunde liegt? Ist auch »Alpha … directions« als Projekt ein Symptom der Nach- Postmoderne, in der sich eine gewisse Tendenz zur Wiedergeburt der ›grands récits‹ abzeichnet? Wie lässt sich ein solches Projekt gestalten, wenn man bereits um die Kontingenz der Zusammenhänge weiß? Wie lassen sich dann Brüche, Leerstellen und die zahlreichen Gebiete des Nicht-Wissens in einer Geschichte des Wissens darstellen? Und wie geht man künstlerisch damit um, dass stets wissenschaftliche Theorien referiert werden müssen, die sich nur durchsetzen konnten, weil sie in ihrem Anspruch auf Objektivität und Kontextfreiheit überzeugen konnten, und diese wiederum nun aus subjektiver Perspektive in einen bildnerischen Erzählrahmen rekontextualisiert werden müssen?«
Added by: joachim |